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Triage in Euroland: Griechenland wird gerettet, Italien nicht



News: bei einer Umfrage der grossen italienischen Tageszeitung La Repubblica haben sich bislang 81 Prozent der Leser für die Notwendigkeit von "Opfern" in der italienischen Verschuldungskrise ausgesprochen.
Triage, ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die – ethisch schwierige – Aufgabe, bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderweitig Kranken darüber zu entscheiden, wie die knappen Mittel (personelle und materielle Ressourcen) auf sie aufzuteilen seien. [Wikipedia]

Es wäre lächerlich, wenn Griechenland gerettet wűrde, während Italien absäuft. So aber sieht es aus:

Italiens spread, der Zinsunterschied zwischen mehrjährigen italienischen Staatsschuldverschreibungen buoni di tesoro pluriennali (btp) und dem Maßstab fűr Unbedenklichkeit, den deutschen Bundesschatzbriefen, vergrössert sich derzeit von Auktion zu Auktion.

So fing Griechenlands Krise auch an und endete damit, dass Athen selbst zu Wucherzinsen keine Mittel mehr am Geldmarkt aufnehmen konnte und die Pleite erklärt hätte, wäre nicht die Troika von EU, Weltwährungsfonds und Europäischer Zentralbank mit Milliarden eingesprungen.

Italiens letzte Auktion von Staatstiteln erlebte einen spread von fast vier Prozent fűr zehnjährige Titel, den weitaus höchsten seit Einfűhrung des Euro. Nicht nur der Staat, auch andere Besitzer von btp wollten solche verkaufen, doch Käufer waren kaum in Sicht.

Analysten sind űberzeugt, dass es nur noch eines kleinen Missgeschicks, einer schlechten Wirtschaftsnachricht, bedarf, um den spread in astronomische Höhen zu treiben und Italien damit de facto von den Finanzmärkten abzuschneiden.

Was dann? Italien muss praktisch jede Woche neues Geld in Milliardenhöhe aufnehmen, um alte Schulden zu bedienen. Wenn die Märkte sich weigern, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder die Troika springt ein, oder Italien ist bankrott.

Die Troika, selbst wenn sie wollte, kann nicht helfen, denn Italiens Schulden űbersteigen das Aggregat der Schulden von Griechenland, Irland, Portugal und Spanien um 50 Prozent. Das Gesetz der Triage verlangt, dass nur gerettet wird, wer gerettet werden kann. Das aber sind die kleinen Pleiteländer, nicht das grosse Italien.

Man kann auch sagen: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Jetzt hat die Troika ihre beschränkten Mittel schon den kleinen Schuldnern gewidmet, fűr einen weiteren und viel grösseren Pleitekandidaten ist nichts mehr da.

Das hat Kanzlerin Angela Merkel in ihren Telefonaten Premier Berlusconi schon vor Wochen erklärt. Aber bei ihm ist die Warnung nicht angekommen. Wie die meisten Italiener denkt er wahrscheinlich: wenn dem kleinen Griechenland so energisch geholfen wird, dann wird dem grossen Italien erst recht geholfen werden. Das Gesetz der Triage versteht Berlusconi nicht.

Ihn geht das alles ja nichts an, meint er. Das betrifft seinen Superminister Giulio Tremonti, der aber kämpft gerade mit einer privaten Korruptionsaffäre űber angeblich unbezahlte Miete und möglicherweise Steuerhinterziehung.

Weltuntergangsszenarien werden fűr den Fall der Zahlungsunfähigkeit Italiens heraufbeschworen. Das Ende des Euro, ja das Ende Europas wird angesagt. Keine dieser Apokalypsen wird wahrscheinlich eintreten. Stattdessen wird geschehen, was im Falle Griechenlands so ausfűhrlich diskutiert wurde: ein temporärer Austritt Italiens aus der Eurozone, die Wiedereinfűhrung einer scharf abgewerteten neuen Lira und, nach einigen Jahren der Restschuldentilgung und wirtschaftlichen Wiederbelebung ein Ansuchen um erneute Aufnahme in den Euro-Währungsverbund.

Mindestens zehn Jahre Lang wűrde ein Pleite-Italien von den Finanzmärkten ausgeschlossen bleiben. Wer immer btp hielt, wird den Verlust durch einen Staatsbankrott schmerzlich im Gedächtnis behalten und italienische Anleihen wie die Pest meiden.

Böse wird es italienische Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und vor allem Millionen kleiner Sparer treffen, die rund zwei Drittel der italienischen Staatsschuld im Portefeuille halten und sich noch nicht davon getrennt haben, Wenn diese Gläubiger erst aufwachen und ihre Papiere auf den Markt werfen, um zu retten, was noch zu retten ist, dann gibt das eine Stampede. Wenn italienische Banken und Versicherungen ihre Bestände an btp wertberichtigen műssen, dann droht ihnen die Pleite. Auch in Frankreich, das stark in Italien engagiert ist, drohen herbe Verluste.

An Griechenland kann man studieren, was auf die italienische Bevölkerung im Falle einer Staatspleite zukommt. Der jetzige geműtliche Zustand, bei dem alles nicht hoch Gewinnträchtige importiert wird, zum Beispiel Knoblauch und Tomatenkonserven aus China, bei die dem Drecksarbeit von Rumänen und Bangladeshi verrichtet wird und in den Haushalten Dienstmädchen aus dem Philippinen ihr illegales Dasein fristen, all diese Bequemlichkeiten wären Vergangenheit. Das Land wird partiell verarmen; vor allem die Kleinsparer werden die Betrogenen sein.

Italien műsste sich ausserhalb der Eurozone neu erfinden. Es wűrde verblűfft beobachten, dass Griechenland, Irland, Portugal und sogar Spanien weiter im Paradies Euroland leben, nicht aber das EU-Grűnderland Italien.

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—— Benedikt Brenner